Mittelstand wehrt sich gegen IFRS
23.05.2006 - In Deutschland hagelt es Proteste gegen die Pläne, die Bestimmungen der International Financial Reporting Standards (IFRS) auf den Mittelstand anzuwenden.
In Deutschland hagelt es Proteste gegen die Pläne, die Bestimmungen der International Financial Reporting Standards (IFRS) auf den Mittelstand anzuwenden.
Das berichtet die WirtschaftsWoche.
Demnach erstellen Unternehmen nach diesen Regeln weltweit ihre Bilanzen. Aufgestellt werden die IFRS-Regeln vom exklusiven IASB-Gremium in London.
Verpflichtend ist IFRS seit 2005 zwar nur für börsennotierte Konzerne. Aber der Druck hin zu der neuen Bilanzierungsregelung für mittelständische Unternehmen wächst - nicht vom Gesetzgeber, sondern vom Markt.
Doch die IFRS-Regeln seien für den Mittelstand "völlig inakzeptabel", kritisierte der Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung in Düsseldorf, Andreas Möhlenkamp.
Die Mittelständler sehen sich wegen der häufig fragwürdigen Bilanzierungsmethoden in ihrer Existenz bedroht.
Der Geschäftsführer bei Lemp Hirz in Moers und Mitglied der Arbeitsgruppe "IFRS für den Mittelstand", Oliver Roth, kritisierte: "Bei IFRS weisen sie Gewinne auf dem Papier aus, die praktisch gar nicht entstanden sind und die sie nicht ausschütten können, wenn sie die Substanz des Unternehmens nicht gefährden wollen".
Vermögen nur auf dem Papier
Die Probleme entstünden, wenn Eigentümer oder Gläubiger wegen des aufgrund fehlender regelmäßiger Abschreibungen auf dem Papier erhöhten Vermögens Geld sehen wollen. Dafür, so warnte Roth, seien die IFRS-Regeln aber "völlig unbrauchbar".
Ein weiteres Problem komme auf Mittelständler zu wegen der Verbuchung von Eigenkapital – der Existenzgrundlage für jegliches Wirtschaften. Grund sei der von vielen Gesellschaften gefürchtete Paragraf 32 des IFRS-Regelwerks. Danach ist Eigenkapital nur unkündbares oder nicht rückzahlbares Kapital.
Roth erklärte: "Das Eigenkapital wird in vielen Fällen runtergehen oder gar ins Negative driften". Hunderttausende Unternehmen könnten dann in der Überschuldung landen.
Rückenwind erhielt der Mittelstand deshalb auch aus Berlin. Der Ministerialrat im Bundesjustizministerium in Berlin, Christoph Ernst sagte: "IFRS sind derzeit keine geeignete Grundlage für den Jahresabschluss und insbesondere für die
Rechnungslegung von kleinen und mittelständischen Unternehmen".
Namhafte Wissenschaftler wie Jörg Baetge, emeritierter Professor der Uni Münster, bezweifelten glatt "die Qualität der IFRS-Standards".
Wachsender Widerstand
Zwölf führende deutsche Familiengesellschaften mit insgesamt 120 Milliarden Euro Jahresumsatz und fast einer halben Million Mitarbeitern haben sich laut WirtschaftsWoche zu einer Initiative zusammengeschlossen, um dem Londoner Bilanzgremium die Stirn zu bieten und sich gegen die allgemeine Einführung der IFRS zu wehren. Inzwischen habe die Initiative schon 40 Mitglieder
Darunter finden sich nach Angaben der Zeitschrift bekannte Namen wie Bertelsmann, Würth oder die Holtzbrinck-Gruppe. "Wir wollen uns stärker in die Entscheidungen des IASB einbringen", sagt Frank Reuther, Leiter Konzernrechnungswesen der badischen Freudenberg-Gruppe und Vorsitzender der Initiative mit dem Namen "Vereinigung zur Mitwirkung an der Entwicklung des Bilanzrechts für Familiengesellschaften".