Schreckensszenario Insolvenz: Bei Zahlungsunfähigkeit kann ein Unternehmer kaum kalkulieren, was ihn und sein Geschäft nach dem Insolvenzantrag erwartet. Wie die Bundesregierung Unternehmern diese Unsicherheit nehmen will, erläutern zwei Experten der Insolvenzverwalterkanzlei und Sanierungsberatung hww wienberg wilhelm für mittelstanddirekt.de.
Wenn in Deutschland ein Insolvenzantrag gestellt wird, ist es häufig zu spät: Die Kredite sind gekündigt, die Arbeitnehmer wurden seit Monaten nicht bezahlt, die Lieferanten liefern nur noch auf Vorkasse. Einige Monate früher wäre dem Unternehmen noch zu helfen gewesen, da der Insolvenzverwalter mehr Insolvenzmasse, mehr Gestaltungsfreiheit und mehr Zeit gehabt hätte.
Das Prinzip ist bekannt: Der Insolvenzantrag sollte gestellt werden, wenn die Zahlungsunfähigkeit droht – und nicht, wenn sie bereits eingetreten ist. Doch die Praxis sieht anders aus: Die Grenze zwischen der drohenden und der bereits eingetretenen Zahlungsunfähigkeit wird häufig gar nicht erkannt. Außerdem scheuen sich Unternehmer vor dem Insolvenzantrag, unter anderem aus folgenden Gründen:
Gerade Geschäftsführer kleinerer Unternehmen sind nur schwer in der Lage, das Problem objektiv zu erkennen. Auch psychologisch ist es nachvollziehbar, dass der Insolvenzantrag zu spät gestellt wird: Viele Unternehmer definieren sich größtenteils über ihr Unternehmertum, haben ihr Leben vollständig in das Unternehmen investiert – und sind schlicht nicht in der Lage, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen.
Auch die Angst vor dem Imageverlust ist groß, obwohl in vielen Fällen externe Ursachen die größte Rolle bei einer drohenden Zahlungsunfähigkeit spielen. Angst um das persönliche Ansehen sei jedoch fehl am Platz, meint Sanierungsexperte Burkhard Jung: "Davon muss man sich frei machen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Und überdies: Für das Stornieren von Aufträgen und für Zahlungsausfälle kann ein Unternehmer ja beim besten Willen nichts. Auch die Angst vor dem sozialen Abstieg ist unbegründet. Die meisten Unternehmer schaffen nach der Insolvenz den Neustart und profitieren dabei durchaus von Erfahrungen, die sie in der Krise gewonnen haben. Aber natürlich fehlt uns hier in Deutschland eine Kultur des Scheiterns, wie es sie in den USA durchaus gibt. Dort ist eine Insolvenz nichts weiter als eine Episode des Unternehmertums."